Rache kann süß sein

August 2001, Stuttgart

  Seit gestern wusste ich, dass Edgar schon wieder fremd gegangen war und Brigitte erneut betrog. Ich hatte ihn in seinem Büro mit seiner jungen, blonden Assistentin in flagranti auf dem Schreibtisch erwischt. Wie vor den Kopf gestoßen, knallte ich die Tür wieder zu. Letztes Jahr erst hatte er mir hoch und heilig versprochen, seine Finger von anderen Frauen zu lassen.

  »Ich liebe Brigitte doch, das musst Du mir glauben. Das war ein Fehltritt, es tut mir leid, kommt nicht wieder vor.«

  Ich behielt mein Wissen über seine Affären für mich, hatte aber ein verdammt schlechtes Gewissen meiner Tochter Brigitte gegenüber. Und ich glaubte an die Ehrlichkeit Edgars. Bis gestern.

 

  Nina, meine vor einigen Jahren an Krebs gestorbene Frau und ich lernten Edgar Ende 1986 zum ersten Mal kennen, als ihn Brigitte, unsere Tochter, eines Abends anschleppte. Es war kurz vor ihrem 18. Geburtstag. Edgar stellte sich als höflicher junger Mann vor, der auf bestem Weg war, im Bankgeschäft Fuß zu fassen. So etwas gefällt Eltern naturgemäß. Zumal Brigitte regelrecht aufblühte. Sie sah zwar gut aus, hatte ein hübsches Gesicht und eine gute Figur, war aber dennoch recht scheu und sehr zurückhaltend, fast ein wenig ein Mauerblümchen. Mit Edgar wurde sie zu einer lebenslustigen jungen Frau. Wir waren begeistert, liebten unseren Schwiegersohn in spe und vertrauten ihm auch voll und ganz, als Brigitte direkt nach erfolgreich bestandenem Abitur zu ihm nach Heidelberg zog. Sechs Monate später war Jasmin da, unser Enkelkind. Die beiden heirateten dann drei Jahre später, ein Jahr danach wechselte Edgar von seiner Sparkasse in Heidelberg zu einer kleinen, aber feinen Privatbank in Stuttgart. Brigitte hatte in Heidelberg, als Jasmin in den Kindergarten gehen konnte, stundenweise in einem Modehaus gearbeitet, was sie in den ersten fünf Jahren nach dem Umzug in der alte Heimat fortsetzen konnte. Edgar machte eine steile Karriere und war Ende der Neunziger auf dem besten Wege in den Vorstand der Bank berufen zu werden. In dieser Phase veränderte er sich abrupt. Aus dem freundlichen Familienmenschen Edgar wurde der knallharte Erfolgsmensch van Damme. Er suchte die Verbindung zu »wichtigen« Leuten, Brigitte durfte nicht mehr arbeiten.

  »Du musst repräsentieren in Zukunft« machte er ihr unmissverständlich klar und glänzte immer öfter durch Abwesenheit. Nahm er Brigitte mal zu offiziellen Meetings mit, so wurde sie zur »Frau an seiner Seite« reduziert. Sie ließ es mit sich geschehen, rebellierte nicht, sondern arrangierte sich damit. Edgar fing an, »richtig Geld zu verdienen«, wie er sich mit stolz geschwellter Brust ausdrückte. Ich hatte manchmal meine Zweifel daran, ob da alles mit rechten Dingen zuging. Und dann passierte es.

 

  Obwohl wir beide uns nicht mehr so grün waren wie in den Jahren zuvor, fuhren wir zu dieser Zeit öfter mal zusammen mit dem Rennrad raus. Bei der ersten kurzen Pause kam er auf mich zu.

  »Peter, hör‘ mal her. Es gibt da ein Problem.«

  »Was ist los? Bist Du wieder fremd gegangen und sie hat Dich jetzt endlich mal erwischt?«, fragte ich säuerlich.

  »Nein, ich hab‘ Scheiße gebaut, in der Bank.«

  Ich schaute ihn fragend an, »was heißt das? Raus damit!«

  »Kurz gesagt«, er druckste etwas herum, »ich habe ohne Rücksprache mit Kundengeldern gezockt, die Sache ging schief, und jetzt wollen sie mir an die Eier.«

  »Oh, also Geld veruntreut! Um wieviel geht‘s denn?«

  »Nun ja, wenn Du es so willst, ich sehe es zwar anders, aber de facto stimmt‘s. Jetzt brauche ich Kohle! Ich muss ein paar Löcher flicken. Rund dreihunderttausend. Zwei Drittel davon habe ich selbst, etwa hunderttausend fehlen mir im Moment. Ich kann aber keinen offiziellen Kredit aufnehmen, deshalb brauche ich kurzfristig Kohle, von der keiner weiß.«

  »Und da kommst Du zu mir?« Ich schüttelte den Kopf. »Ne mein Lieber, da musst Du durch. Erstens habe ich das nicht rumliegen und zweitens, steh‘ zu der Sache und bügle sie wieder aus. Ich habe Dich schon mehrfach gegen besseres Wissen geschützt, habe Deine Lügen verschwiegen, jetzt ist Schluss. Edgar, Du bist ein verlogener Sack! Du vögelst in der Gegend rum und jetzt bescheißt Du auch noch Deine Kunden. Regle das selbst, und lass mich in Frieden!«

  Edgar lachte. »Mein Gott, das war doch nur ne schnelle Nummer mit der Kleinen, hat doch nichts zu sagen. Und Dich geht das einen Scheiß an.« Er zeigte mir den Stinkefinger. »Aber Du kannst mich jetzt doch nicht sitzen lassen! Ich bin auf dem Weg in den Vorstand, wenn die Geschichte auffliegt, schmeißen die mich raus, und die Boni sind auch am Arsch.«

  »Du baust Scheiße und ich soll Dich rausziehen? Vergiss‘ es! Du hast mein Schweigen wegen Deiner Weiber immer wieder missbraucht, ich habe deshalb meine Tochter belogen. Jetzt ist Schluss! Fang‘ einfach an, wieder kleinere Brötchen zu backen, dafür ehrlich!«

  Edgar verzog das Gesicht zu einer wütenden Fratze. »Das verzeihe ich Dir nie, dass Du mich fallen lässt. Irgendwann wird Dich das einholen, dass Du mich ins offene Messer laufen lässt! Das schwöre ich Dir!«

  »Willst Du mir drohen? Das funktioniert nicht. Ich werde immer versuchen, Brigitte zu schützen, auch vor Dir, wenn nötig. Aber Deinen Mist löffelst Du selber aus. Und Du weißt ganz genau, dass Deine Familie Dich braucht. Gerade auch Jasmin, die ist mit ihren 14 Jahren in einem schwierigen Alter, von Tommy ganz zu schweigen. Und Brigitte will ich Deine Eskapaden auch nicht mehr zumuten, ich hätte ihr  letztes Jahr schon reinen Wein einschenken sollen. Ich tu‘s aber jetzt. Werd‘ ein Kerl, und tu nicht nur so, sondern löse Deine Probleme auf saubere Art, nur dann kommst Du da wieder raus.«

  Edgar blickte mich hasserfüllt an. »Halt‘ bloß die Schnauze, ich biege das eben allein wieder hin. Und jetzt kannst Du mich mal!« Er schwang sich aufs Rad und raste wie ein Verrückter davon.

 

  Zwei Tage später wurde das Problem der Veruntreuung in der Bank »intern« gelöst und unter den Tisch gekehrt, um bleibende Imageschäden am Markt zu verhindern. Es gab keine öffentlichen Ermittlungen, aber Edgar verlor die Boni von zwei Jahren, insgesamt 1,8 Millionen DM, sowie seinen Arbeitsplatz. Nach außen hin »trennte man sich in gegenseitigem Einvernehmen und wünschte ihm viel Erfolg bei seinen neuen Unternehmungen.« Brigitte erwies sich als Ehefrau, die eisern zu ihrem Mann hielt. Obwohl ich sie darüber informierte, dass er sie laufend betrügt. Am nächsten Tag verzieh sie Edgar. Seitdem spielten sie die glückliche Familie. Edgar schaffte es, sich gerade so über Wasser zu halten und machte sich kurz darauf als Anlageberater selbständig.Er war clever und war bereits nach wenigen Monaten aus dem Gröbsten wieder heraus und auf dem Weg zum Erfolg. Nach außen hin machten wir alle einen auf freundlich.

 

  Tatsächlich hasste er mich.

Hans Bischoff  Owinger Straße 48  88662 Überlingen

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