Ein kaltblütiger Attentäter am Bodensee, eine ehrgeizige Kommissarin, die im Trüben fischt und ein chronisch unpünktlicher 

Überlinger Scheidungsanwalt auf Mörderjagd.

Jean Maurice Knöpfle ist ein erfolgsverwöhnter Scheidungsanwalt in Überlingen. Der brutale Bombenanschlag auf seine neue Mandantin erschüttert das beschauliche Überlingen und zwingt ihn in Ermittlungen auf eigene Faust. Er treibt nicht nur die ehrgeizige Hauptkommissarin aus Konstanz zur Weißglut, sondern kommt auch fragwürdigen Machenschaften in der Baubranche auf die Spur und dem Attentäter gefährlich nahe. 

Ein Fall mit Zündstoff. Der erste für Jean Maurice Knöpfle. 

 

Hans Bischoffs Bodensee-Krimi ist Auftakt zu einer Reihe um Jean Maurice Knöpfle, dem charismatischen Ermittler wider Willen.

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Sie war heute später dran, als in den letzten Tagen. Er hatte sich die Zeiten stets genau notiert. Meist war sie gegen fünfzehn Uhr aufgetaucht. Heute erst zwanzig vor vier. Es würde nichts ändern. 

Er konnte jetzt sehen, wie sie aus dem Wagen stieg, ein paar Einkaufstüten aus dem Kofferraum zog und zur Haustüre lief, wo sie aus seinem Blickfeld verschwand. Gut fünf Minuten später betrat sie den großen Raum und ging ein paar Schritte zu dem Glastisch, den sie anscheinend als Arbeitstisch oder als Schreibtisch benutzte. Die raumhohe, fast komplett um den linken Flügel der Villa reichende Fensterfront machte es ihm sehr leicht, die Frau von seinem Posten aus genau beobachten zu können. Sie trug heute wieder diese hässliche rosa Jacke, die ihm überhaupt nicht gefiel. Das muss Dir egal sein, das geht Dich nichts an, sagte er sich. Scheint modern zu sein. Hauptsache, ihr gefällts. 

Sie legte einen Aktenkoffer und ein paar andere kleinere Gegenstände, die er nicht identifizieren konnte, auf den Glastisch. Er sah ihr zu, wie sie einige Akten aus dem Koffer entnahm. Dann setzte sie sich in einen Sessel und begann, in einer dieser Unterlagen zu lesen.

Seine Aussicht aus dem Baumversteck wurde nur dann jeweils kurz eingeschränkt, wenn die großen Lastwagen auf der Bundesstraße vor ihm vorbei rollten. Manchmal waren das fünf oder sechs hintereinander, ganze Konvois. Heute Nachmittag war der Verkehr zum Glück insgesamt schwach. Er schaute zu, wie sie wieder aufstand, kurz zum See blickte und anschließend zum Glastisch zurück ging. Dort blätterte sie erneut in irgendwelchen Schriftstücken. 

Er wusste genau, dass es sein musste. Mit ihr hatte alles begonnen. Doch plötzlich geisterte wieder diese verdammte Unsicherheit in seinem Kopf herum, die ihn schon seit Tagen quälte. Ist es richtig, was ich tue? Werde ich es schaffen? 

Er trommelte hektisch mit beiden Fäusten gegen den Kopf. »Ich bin es Euch schuldig, es ist mein Schwur«, flüsterte er dabei und versuchte, danach wieder ruhig und gleichmäßig zu atmen. Seine Hand zitterte. Er durfte sich jetzt keinen Fehler erlauben. Er müsste nur den Knopf drücken, ganz einfach, nichts weiter. Er fühlte den miesen Geschmack im Mund, biss sich auf die Lippe. Sein Blick fiel auf das Tattoo an seinem Unterarm. Der Name und das Kreuz. 

Sie setzte sich jetzt auf einen Stuhl an dem Glastisch. 

»Sie ist schuldig.«

Er musste es tun.

Die Uhr auf dem Handy zeigte 15:58.

Er drückte den roten Button.

Mittwoch, 25. Oktober 2017

»Wo wollen die denn schon wieder hin«, maulte Jean Maurice Knöpfle, als ihn der Streifenwagen mit Sirene und Blaulicht von der Straße zwang. Wahrscheinlich muss der Leberkäse noch warm auf die Wache, dachte er kichernd und zog den Jaguar wieder auf die übliche Fahrspur zurück.

Er würde heute ausnahmsweise fast pünktlich, das hieß bei ihm höchstens eine Viertelstunde zu spät, zu seinem Mandantengespräch mit Frau Obermüller, der erfolgreichen Architektin, in ihrer Villa oberhalb Nußdorf eintreffen. Jean Maurice Knöpfle war zwar wegen seiner Erfolge als Scheidungsanwalt, jedoch nicht wegen seiner Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit geschätzt. Nun ja, damit konnte er leben. Besser unpünktlich, als erfolglos. Diese eigene Einschätzung gefiel ihm. Ein gutes Image für einen Mann wie ihn, wie er fand, als er durch Nußdorf, einem der Überlinger Ortsteile fuhr. »Unpünktlich, aber erfolgreich, meine Damen!«, hörte er sich selbstbewusst sagen. Man könnte das auch als arrogant auslegen, kam ihm in den Sinn. Warum eigentlich nicht?

Fünfhundert Meter weiter, kurz nach der Abzweigung von der Hauptstraße in die am Sonnenhang liegende Wohnstraße, fiel sein Blick abrupt auf ein völlig irreales Bild und riss ihn aus seinen Gedanken. Er starrte auf zwei Feuerwehrfahrzeuge, einen Notarztwagen, die Polizeistreife, die ihn soeben überholt hatte und auf einen rauchenden Berg eingestürzter Mauerteile, zerrissener Fensterrahmen und zerlegter Möbelstücke.

Der Anwalt stieg im letzten Moment viel zu hart in die Eisen und stoppte das schwere, in die Jahre gekommene Cabrio. Den Jaguar XK, sein ›Kätzchen‹, das er seit sechs Jahren fuhr. Er blieb wie angewurzelt hinter dem Lenkrad sitzen, unfähig sich zu bewegen, bis einer der Feuerwehrleute mit den Armen ruderte und ihn energisch anwies, zu verschwinden. »Du bisch em Weg!«, hörte er ihn rufen, was ihn wieder in die Realität zurückbrachte.

Die Realität. Das waren die Reste des Südflügels der Obermüllerschen Villa. Der große Raum mit der einzigartigen Panoramaaussicht über den Bodensee. »Sie wohnen hier schon begnadet, Frau Obermüller«, hatte er bei seinem ersten Besuch begeistert gesagt, während er den Blick über den Überlinger See in Richtung Südosten schweifen ließ. Unteruhldingen, die Mainau und dahinter das schweizerische Ufer mit dem Säntis, der alles überragte. Jetzt lag der Seeblick in Schutt und Asche. Zerborsten, verbrannt, tot.

Tot? Mein Gott, er hatte vor lauter Zerstörung überhaupt nicht mehr an seine Mandantin gedacht. War sie …? Knöpfle schnallte sich hektisch los, schob sich etwas ungelenk aus dem niedrigen Sitz und stieg aus. Er machte vorsichtig ein paar Schritte über den Rasen, bis er wieder angehalten wurde. Diesmal stand ihm einer der Polizeibeamten im Weg.

»Sie können hier nicht weiter! Wer sind Sie überhaupt und was suchen Sie hier?« Dabei stellte sich der Polizist mit ausgebreiteten Armen vor den Anwalt, der einen Schritt zurück machte und im Matsch stand. Einer der Feuerwehrwagen musste über den perfekt geschnittenen Rasen gefahren sein und Knöpfle hatte genau die verschlammte Fahrspur erwischt.

»Scheiße, meine Schuhe! Das sind Budapester. Die Hose ist auch verspritzt. Schauen Sie sich das mal an!«, motzte er den völlig unschuldigen Beamten an.

»Dann ziehen Sie halt Gummistiefel an, aber was gehen mich Ihre Schuhe an? Sie haben hier nichts zu suchen, also hui, verschwinden Sie! Abflug!«

Jean Maurice Knöpfle hatte im Grunde genommen nichts gegen staatliche Organe wie Staatsanwälte, Richter und Polizisten. Aber von so einem jungen Rotzlöffel, wie er sein Gegenüber nach oberflächlicher Musterung im Geiste bezeichnete, ließ er sich nicht vorschreiben, was er zu tun hatte. In solchen Situationen kam unweigerlich sein altes Revoluzzerdenken zum Vorschein.

»Jetzt hören Sie mal gut zu. Ich bin der Anwalt von Frau Obermüller, der Architektin und Eigentümerin dieser Ruine, die vorgestern noch eine traumhaft schöne Villa war. Und ich hätte mit ihr jetzt einen Besprechungstermin gehabt. Also …«

»Das ist mir egal«, versuchte der Beamte, ihn zu unterbrechen, was ihm jedoch nicht gelang.

»Was ist mit Frau Obermüller? Ich will sofort zu ihr. Ist sie in Ordnung? Ich will das jetzt wissen!« Jean Maurice wurde laut, der junge Polizist wurde leise und winkte hilflos einem weiteren Beamten in Uniform. »Komm mal rüber!«

»Was ist hier los? Sie behindern unsere Arbeiten. Wer sind Sie und warum wird es hier laut?« Der ältere Kollege kam mit finsterem Blick auf die beiden Streithähne zu.

»Mein Name ist Jean Maurice Knöpfle und ich bin der Anwalt von Frau Obermüller, der Eigentümerin des Hauses.«

Der Beamte starrte ihn mit einem leichten Grinsen im Gesicht an. Blödmann, dachte Knöpfle, der diese Reaktion auf seinen Namen allzu oft miterleben musste und sie nicht mehr als lustig empfand. 

»Wer hat Sie denn schon gerufen und warum eigentlich?«, fragte der Polizist.

»Ich habe es bereits versucht, Ihrem jungen Kollegen hier nahezubringen. Ich hatte einen gestern vereinbarten Termin mit meiner Mandantin. Und stehe hier jetzt vor einem Schutthaufen. Und da ich nicht von einem Erdbeben ausgehe, muss ja was anderes passiert sein. Und vor allem, was ist mit der Architektin? Die war ja sicher im Haus und hat auf mich gewartet.« Knöpfle schaute auf seine Rolex. Ein bisschen Luxus muss sein, war sein Credo. Er musste für den Blick auf die Uhr stets die Hemdmanschette hochschieben. »Obwohl ich fast pünktlich gewesen wäre.«

Der Polizeibeamte schüttelte den Kopf. »Das ist ja alles recht und schön, aber ich darf Ihnen im Rahmen unserer Ermittlungen im Moment …, es war ja auch erst gerade.«

»Mein Gott! Was heißt, erst gerade? Das bedeutet ja – wann war die Explosion? Da wäre ich mit …?«

Sein Gegenüber atmete laut und vernehmlich aus. »Das war vor gut fünfzehn Minuten erst, laut Zeugen.«

Knöpfle starrte ins Leere. »Da wäre ich angekommen! Wenn ich pünktlich gewesen wäre.« Mehr sagte er nicht dazu. Die Erkenntnis reichte, um seinen Blutdruck in die Höhe zu treiben und den Kreislauf in Wallung zu versetzen. 

Der Polizist hob die Schultern und verzog mitfühlend das Gesicht. »Glück gehabt, Herr Anwalt! Ich schlage jetzt vor, Sie warten hier, bis die Frau Meister eintrifft, die Kommissarin aus Konstanz. Sie wird hier ermitteln und Sie vielleicht gleich vernehmen. Aber fahren Sie das Auto da vorne auf die Seite.« Er warf einen interessierten Blick auf den Jaguar. »Sechszylinder?«

»Acht!«

»Teuer, oder? Aber als Anwalt, na ja! Also, Sie warten hier!«

Knöpfle war noch immer so geschockt, dass er ausnahmsweise nicht wie gewohnt auf Befehle der Staatsgewalt reagierte, sondern nickte und sich wieder ins Auto schwang.

»Scheiße!«, war sein einziger Kommentar. Er betrachtete gedankenverloren die Szenerie vor seinem Wagen.

Er schreckte auf, als plötzlich jemand an die Seitenscheibe klopfte. Er schaute von seinem iPad hoch, auf dem er in der letzten halben Stunde versucht hatte, einige Notizen zu schreiben, um sich abzulenken. Allerdings war er immer wieder dabei hängen geblieben. Der Schock wegen der Explosion und der Unsicherheit, was seine Mandantin betraf, saß zu tief. Vielleicht hat mir meine Unpünktlichkeit tatsächlich das Leben gerettet, führte er sich ständig wieder vor Augen.

»Herr Knöpfle?«

Die Stimme von außen rief ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. Er schaute langsam von unten nach oben an der Frau entlang, die neben dem Wagen stand. Sie trug eine gelbe Regenjacke und hatte die Kapuze über den Kopf gezogen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass es angefangen hatte, stärker zu regnen.

»Ja, ah … hallo.« Er stieg aus. »Hallo, Sie sind …?«

»Dagmar Meister, Hauptkommissarin aus Konstanz. Ich übernehme hier die Ermittlung.«

»Jean Maurice Knöpfle, angenehm. Aber woher kennen Sie meinen Namen?«

Die Kommissarin lachte. »Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, Sie bei der Einweihung des neuen Amtsgerichts zu erleben.«

Knöpfle hielt sich die Hand vor die Augen. »Oh, verdammt. Vergessen Sie es bitte schnell! War keine Sternstunde anwaltlichen Auftretens.« Genauer gesagt, war er nach den diversen Drinks, die er sich mit Staatsanwalt Müller geteilt hatte, so besoffen, dass ihn sein Kompagnon Erwin Schrott geschnappt und an die Luft gesetzt hatte.

»So, jetzt aber zu Ihnen.« Dagmar Meister schaute ihn durchdringend an. »Was haben Sie hier zu suchen?«

»Hätten Sie zuerst Ihren Kollegen gefragt, wüssten Sie es schon. Ich hatte einen Termin mit Frau Obermüller.« Warum, das geht die Tante nichts an, dachte sich der Anwalt.

»Wann wäre das genau gewesen?«, wollte die Kommissarin wissen.

»Um vier, sechzehn Uhr. Allerdings bin ich erst um Viertel nach hier angekommen.«

»Da sind Sie ja knapp vorbei geschrammt. Dusel gehabt!«

 Besonders mitfühlend hörte sich das für Jean Maurice nicht an. Aber sie hat recht, stellte er fest. Ich kann jetzt mein Lebensmotto verändern. Besser unpünktlich, als tot. Er sog trotz des Gestanks und des Staubs, der von der Ruine ausging, begierig die Luft ein. Tief atmen, einmal, zweimal, dreimal. Er schaute fragend die Kommissarin an. »Was ist mit Frau Obermüller? Ich will das jetzt wissen! Frau Kommissarin, erzählen Sie mir nichts von laufenden Ermittlungen und diesem Quatsch!«

»Wir haben eine Tote gefunden, sie muss aber noch identifiziert werden.« Sie schaute Knöpfle von oben herab an. Kein Wunder, bei der Länge, mindestens ein Meter achtzig, dachte er. Dann kam es. »Sie könnten uns dabei doch behilflich sein. Sie sind ihr Anwalt.«

Knöpfle schauderte. Ein Frösteln durchzog ihn. Er ballte die Hände. Sollte er jetzt eine Tote identifizieren, die es vielleicht nur noch in Stücken gab? Und er kein Blut sehen konnte. Sogar bei der Blutabnahme beim zweijährlichen Check musste er wegsehen. Er verkrampfte und es pochte schmerzhaft in seinem Magen.

»Ah, das muss doch ein Verwandter machen, oder?«

»Ja, natürlich, aber wir hätten schneller Gewissheit. Und so schlimm sieht sie auch nicht aus. Kommen Sie!« Mama mia, Männer, dachte Dagmar Meister. »Sensibelchen!«

»Meinen Sie mich?«

»Sehen Sie sonst noch jemand? Los!«

»Moment, ich brauche zuerst meinen Schirm aus dem Kofferraum.«

»Mein Gott, er könnte ein bisschen nass werden. Jetzt kommen Sie endlich!« Die Kommissarin schüttelte den Kopf.

Sie bahnten sich einen Weg zwischen Feuerwehrleuten, Polizisten und herumliegenden Trümmern hindurch. Da lag ein Teil des Sessels, in dem er bei seinem ersten Besuch gesessen war. Er stolperte über den traurigen Rest des riesigen Gemäldes, das ihm damals an der Rückwand aufgefallen war. Nicht sein Geschmack. 

Zwei Minuten später standen sie, geführt von einem der Feuerwehrmänner, vor der mit einer Plane zugedeckten Leiche. Vom beschädigten, nach Südosten ausgerichteten Seitenflügel der Villa waren nur noch zwei komplette Mauern und zwei Säulen übrig, welche die Zimmerdecke und das Dach trugen. Die gesamte Fensterfront zum See hin fehlte. Überall Staub und Trümmerteile unterschiedlicher Größenordnung.

Die Kommissarin hatte sich Latexhandschuhe übergezogen und hob eine der Ecken der Plastikplane hoch. Knöpfle versuchte, sich mit geschlossenen Augen auf das vorzubereiten, was er gleich anschauen sollte.

»Die Augen sollten Sie schon öffnen, sonst wird es schwierig.«

Blöde Kuh, dachte Knöpfle, riss die Augen auf und blickte seiner toten Mandantin ins Gesicht. Ein Zombie. Die Haare waren versengt, ein paar kleine Splitter ragten aus der Haut, der Mund war blutig. Und das gesamte Gesicht war von grauem Staub überzogen.

»Sie ist es.« Knöpfle nickte zur Bestätigung zweimal, dann wandte er sich ab. Sein Magen rebellierte, er musste hier raus. Hätte ich auch so ausgesehen, fragte er sich insgeheim. Der Gedanke ließ ihn schaudern. Scheiße, so zu enden. Herbert kam ihm dabei in den Sinn. Beerdigungsunternehmer in Markdorf. Ein alter Kumpel, der öfter mal originelle Geschichten über seine Tätigkeit zum Besten gab. »Hab ich Dir den schon erzählt? Beim letzten Unfalltoten fehlte der …«

»Arschloch! Dir fehlt jegliche Empathie«, hatte er ihn damals zum Schweigen gebracht.

Die Hauptkommissarin hielt ihn am Arm fest. »Ok, Sie sind in Ordnung? Das wars jetzt erst mal für Sie. Wobei, ich möchte noch wissen, weshalb Sie Frau Obermüller vertreten haben.«

»Es gibt eine anwaltliche Schweigepflicht, an die ich mich halte!« Hast wohl gemeint, dass ich jetzt plaudere in meinem Schock? Aber so daneben bin ich doch noch nicht.

Dagmar Meister schüttelte den Kopf. »Ich weiß, ich weiß. Aber jetzt hören Sie mal genau her!« Sie deutete mit dem Zeigefinger genau auf Knöpfles Nase. »Die ganze Sauerei hier sieht nicht nach einer Gasexplosion aus. Der Heizkeller liegt unter der rückseitigen Hälfte der Villa, es riecht und roch nicht nach Gas, es ist nichts beschädigt. Und explosive Stoffe lagerten nach Erkenntnis der Feuerwehr auch nicht im Haus. Also? Was soll da von alleine hochgehen, frage ich Sie?«

»Sie meinen, …?«

»Ja, ich meine! Da hat jemand nachgeholfen, das war eine Bombe! Ferngezündet, denke ich. Da wollte jemand auf Nummer Sicher gehen, bombensicher. Um die Architektin um die Ecke zu bringen. Die Feuerwehr hat mögliche Reste eines Zünders gefunden. Jetzt kommen Sie!«

Knöpfle war platt. Ein Irrer sollte seine Mandantin in die Luft gejagt haben? Und ihn fast mit? Er schaute die Kommissarin fassungslos an. »Frau Kommissarin, sind Sie wirklich sicher?«

»Hauptkommissarin, wenn schon! Ja, wir sind ziemlich sicher. Ich warte natürlich die Ergebnisse der KTU ab, die Jungs müssten morgen fertig sein.«

Knöpfle hatte das Gefühl, dass sie bei dieser Feststellung noch ein paar Zentimeter länger wurde. Eine Bombe war auch für eine Hauptkommissarin aus Konstanz kein alltäglicher Fall.

Sie lächelte. »Könnten Sie sich vorstellen, wer es auf Ihre Mandantin abgesehen haben könnte?«

Der Anwalt zuckte mit den Achseln. »Keinen Schimmer. Ich kannte sie nicht näher, habe nur einmal persönlich mit ihr gesprochen. Sie war lediglich Mandantin, wie Sie ja soeben erwähnten. In einer einfachen Sache.« Knöpfle war selbst überrascht, dass er nichts davon sagte, dass sich Sabine Obermüller in letzter Zeit bedroht fühlte. Sie konnte oder wollte allerdings nicht präzisieren, von wem genau, hatte jedoch eine starke Vermutung. Familie. Sie meinte, eventuell verfolgt zu werden, zumindest beobachtet. Nun ja, das geht die Polizei im Moment nichts an, die sollen selber ermitteln, sagte er sich.

»Gut, dann können Sie jetzt gehen. Geben Sie mir bitte Ihre genaue Adresse.«

Jean Maurice drückte ihr eine Visitenkarte in die Hand. Sie schaute nur kurz darauf. ›Knöpfle und Schrott, Kanzlei. Familien- und Erbrecht‹. Sie richtete den Blick wieder auf den Anwalt. »Guter Slogan.« Sie steckte die Karte ein und lachte. »Hoffentlich!«

Knöpfle schaute ihr nach. Er war noch nicht ganz in der Lage, sich ein schlüssiges Bild von der Frau zu machen. Hat sie Haare auf den Zähnen oder tut sie nur so tough? Er drehte sich um und ging mit steifen Schritten zum Auto. Er müsste ein wenig recherchieren, nahm er sich vor, setzte sich in den Wagen und versuchte, sich zu beruhigen, bevor er den unwirtlichen Ort verließ. »Jean Maurice, bleib dabei: Besser unpünktlich, als tot!«, murmelte er und drehte das Radio laut. ›The road to hell‹ rockte da ab.

Hans Bischoff Autor     mail@hans-bischoff.de

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