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Kleider machen Bäume

   »Hallo! Ich bin einsachtzig groß, kräftig, sehr gleichmäßig gewachsen, bin voll im Saft und sehe gut aus. In der Plantage wurde ich perfekt aufgepäppelt, vor knapp drei Wochen hat man mich dann abgesägt und ziemlich unsanft verladen. Jetzt stehe ich hier und warte zusammen mit dem alten Mann und seinem Helfer auf Menschen, die mich kaufen wollen. Die Konkurrenz um mich herum ist nicht ganz ohne, aber so, wie ich mich präsentiere, dürfte ein Wechsel zu einer sympathischen Familie, irgendeinem Paar oder Single kein Problem werden.

   Oh, da kommen zwei. Machen einen ganz ordentlichen Eindruck auf den ersten Blick. Sie ist mir sympathischer als er. Bei ihm habe ich das Gefühl, dass sein Interesse an Weihnachtsbäumen eher unterdurchschnittlich ist. Sie schreitet die Reihe meiner Kameraden ab und jetzt hat sie mich entdeckt. Der Helfer packt mich an meiner Spitze, dreht und wendet mich herum und fährt mit der Hand weich über meine Zweige. Er macht das gut, guter Verkäufer. Sie schaut fragend zu ihrem Begleiter, der leicht abwesend nur mit dem Kopf nickt. Die Frau weist mit der Hand auf mich und der Helfer lacht. Was reden die über mich? Jetzt nimmt sie ihre Brieftasche und drückt dem Alten zwei Scheine in die Hand. Es sind Zwanziger, kann ich entdecken! Ich fühle mich wertvoll. Bis zu dem Moment, als mich der Helfer brutal durch diese komische Röhre schiebt. Vorne gelange ich noch grün hinein und hinten komme ich in einem weißen Netz wieder raus. Verdammt eng das Ding! Man trägt mich zu einem dieser dicken Fahrzeuge, ich glaube, man nennt sie SUV. Der Helfer wuchtet mich aufs Dach und der Mann bindet mich mit zwei Gurten fest. Hoffentlich geht das gut, denke ich.

   Nach einer gefühlt endlos langen Reise sind wir vor einem sehr schönen Haus angekommen und der Mann nimmt mich vom Dach. Ich sag’s Euch, das war verdammt zugig unterwegs und hart dazu. Ein paar meiner grünen Nordmanntannennadeln habe ich verloren, ich glaube aber nur unten rum. Ist mir ein bisschen peinlich. Auf jeden Fall scheint es nun ruhiger zuzugehen. Ich stehe in einem exklusiven Christbaumständer auf der Terrasse und harre der weiteren Dinge bis Heiligabend.

   Drei Tage später wechsle ich meinen Standort ins Wohnzimmer der beiden. Ein sehr attraktiver Raum, gediegene Einrichtung, elegant. Ich hätte es schlechter erwischen können, denke ich zufrieden. Ich stehe in einer Ecke schräg gegenüber des großen offenen Kamins. Wahrscheinlich werde ich dort enden, wenn ich ausgedörrt bin. Nun ja, das Leben ist endlich. Die Frau erlöst mich kurz darauf von meinen trüben Gedanken und baut zwei große Kisten vor mir auf. Aus beiden glitzert es golden und silbern. Prachtvoll, finde ich begeistert. Ich hatte schon die Angst, dass ich hier mit hässlicher Lametta zugehängt würde. Aber der Inhalt der Kisten sieht eher nach vornehmen Designerklamotten aus.

Das Paar diskutiert über die Auswahl der Dekoration. Er tendiert zu Silber, sie zu Gold und Rot. Ich tippe darauf, dass sie sich durchsetzen wird, und ich gewinne. Er gibt auf und räumt die silberne Kiste weg. 

   Die Frau hat viel Gefühl für mein neues Kleid. Keine Platzierung einer goldenen oder roten Kugel wird dem Zufall überlassen. Sie tritt immer wieder ein paar Schritte zurück und prüft die Ergebnisse ihrer Arbeit. Ich bin begeistert und wachse sogar zu einer noch stolzeren Nordmanntanne. Ich finde mich elitär. Man muss schon auf seine Herkunft achten, denke ich. Der Gedanke, als einfache, traurige Fichte hier rumstehen zu müssen, lässt mich zittern. Sie wird überrascht und hält schnell ein kleines Glöckchen fest. Oha, Du musst aufpassen, rüge ich mich und stehe wieder still.

   Das Einzige, was ich mit gemischten Gefühlen betrachte, sind die elektrischen Kerzen. Die sind zwar viel sicherer als die früher üblichen echten Kerzen, wegen denen mancher meiner Vorfahren doch ziemlich abgebrannt endete. Aber die Klammern, mit denen sie an meinen Zweigen angebracht werden, zwicken ziemlich. Ich werde mich daran gewöhnen. 

Kurz darauf ist sie fertig mit der Dekoration und ruft ihren Mann oder Partner oder was auch immer. Sie hängt sich bei ihm ein und beide strahlen mich an. Ich glaube, sie hat ihn mit der goldenen Auswahl überzeugt. In der Glasscheibe des Kamins kann ich mein Spiegelbild betrachten. Mein Gott, sehe ich gut aus. Ich kann mich nur bewundern und hoffe, dass die Frau bald ein Foto von mir schießt, solange ich noch so perfekt glänze. Eh, denke ich kurz, eitler Fatzke! Egal, ich wische den Gedanken sofort wieder zur Seite und finde mich geil. Topfit und in teuren Designerklamotten. Ja! Weihnachten kann kommen.

   Nach der ersten Begeisterung werde ich ein wenig sentimental. Nicht jeder hat es so gut wie Du, sage ich zu mir. Ich trage ein elegantes Kleid, stehe in einem hundsteuren Christbaumständer und sehe um mich herum nur Luxus. Da haben es viele meiner Kollegen weit schlechter. Die vegetieren, nur mit etwas Lametta behängt im Nirgendwo herum oder müssen sich von streitenden Menschen herumschubsen lassen, symbolisch gesprochen. Die stehen ungeschmückt in Krisengebieten, wo die Leute sich wenig mit Weihnachtsschmuck, dafür mit dem Überleben beschäftigen müssen.

   Ach, ich verdränge meine finsteren Gedanken und werde wieder fröhlich. Es wird zwar leider das einzige Weihnachtsfest in meinem Leben sein, aber ich weiß, dass viele junge Nordmanntannen in ihren Plantagen schon jetzt nur darauf warten, mein Werk im nächsten Jahr fortzuführen. 

So, ich werde mich jetzt darauf konzentrieren, Freude zu bereiten und wünsche Euch allen einen ebenso tollen und sympathischen Weihnachtsbaum wie mich! Frohes Fest!«

Ein Weihnachtsmonolog

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